Art: Artikel Autor*in:

Vers 10045

Ihr strebt das Auge staunend in Bewundrung nach.

Zuneigung

Manche liebe Schatten steigen auf, wenn ich an Reisen mit meiner Mutter denke. 11-jährig stand ich mit ihr in sengender Hitze auf dem Weimarer Bahnsteig, kein Zug kam und wollte uns forttragen, nachdem wir ein typisches germanistisches Pflichtprogramm inklusive Nächte im „Elephanten“ verbracht hatten. Das Land, jung vereinigt, wirkte an dieser Stelle gerade noch wie unschlüssig, ob es sich selbst vor einen Zug werfen – falls denn einer käme – oder doch Satellitenantennen und Brockhausausgaben bestellen sollte, um sich zu wappnen vor dem, was es ahnte, aber noch nicht begreifen konnte und doch Zukunft genannt wurde. Der Bahnhof jedenfalls lag noch länger ruhig und gleisig, als wäre er begriffsstutzig und ohne Vision. Dem kam die Deutsche Bahn bei und erklärte ihm, dass die Welt nun (wieder) kommen würde und kommen wollte. Und so platzte Weimar, die Schote, 1999 vollends auf, als die Stadt Kulturstadt des Jahres wurde und man die immer noch eindringlich erinnerte Strumpfhose erwerben konnte, die „Gretchens Masche“ in Form von Goethes handschriftlicher Manuskriptzeile die Hinterseite des Frauenbeines hochschlängeln ließ. Auf Neugierige zielend, die kommen würden, schließlich kamen, heute beständig kommen und in der Zukunft kommen werden, ist Weimar ausgerichtet. 1998 unterstützte meine Mutter eine plötzlich und heftig aufgetretene Liebesmanie ihrer einzigen Tochter, indem sie zu einer Reise nach Paris mit erhoffter kathartischer Wirkung drängte, dem Besuch des Musée d’Orsay und der Betrachtung des Gemäldes von Henri Fantin-Latour, das den schönsten Mann, den die Tochter jemals sah, ohne ihn je gesehen zu haben, zeigte, den ihr Herz so schnell wie heftig umschlungen hatte: Elzéar Bonnier-Ortolan, der sich im engen Kreis um Paul Verlaine und Arthur Rimbaud tummelte. Von seinem Antlitz hatte die Tochter in einer Biografie gelesen. Von diesem Bild hatte ich gelesen. Meine Mutter unterstützte also im wahrsten Sinne eine Pilgerschaft, deren Motoren Neugier, Fantasie und Bewunderung waren. Diese Art der Motorisierung ernst zu nehmen – dazu hat sie mich erzogen.

Vorspiel mit etwas Theater

Seit ich weiß, dass es ein Goethe-Wörterbuch  gibt - zugegeben musste ich 42 Jahre alt werden, um dieses immense Unterfangen wahrzunehmen, zu verstehen, ja schambefreit zu nutzen - schlage ich es hin und wieder auf /// nein! Halt! So stimmt das nicht. Ich habe keine Version in Print vorliegen. Ich tippe in die Such-Zeile der Homepage der Uni Trier, um bei der Wahrheit zu bleiben. Und die Wahrheit tut Not. Ich werde darauf zurückkommen. /// und suche tastend (das kann ich wohl schreiben, weil es ja ein geistiges wie auch von Fingern gestütztes Tasten gibt) nach Begriffen und ihrer Verwendung im Goetheschen Gedanken- und Werk-Gesamtgebäude. Und weil ich mich - sirenenhaft herangerufen aus der Ferne - aufmachen sollte, nach Weimar zu reisen und eines Manuskripts angesichtig zu werden, zwangsläufig und sehr gerne mit dem Thema Bewunderung beschäftige, habe ich mal nachgeschlagen, denn so kommandirt die Poesie.

Verse 4613 bis 12111

Und siehe da! Das Omen, es ist eindeutig, denn die erste Ausführung im erwähnten Wörterbuch zitiert eine Stelle aus just dem Manuskript, das ich besuchen soll. Vers 10045 wartet mit Bewunderung auf, denn da spricht Faust sinnend mehr zu sich (und damit zum Publikum) als zu seinem bocksfüßigen Reisebegleiter über die kommode Wolke, auf der er im Gebirge angelangt ist und die ihm folglich Reittier oder besser schwebender Diwan war:

Sie löst sich langsam, nicht zerstiebend, von mir ab.

Nach Osten strebt die Masse mit geballtem Zug,

Ihr strebt das Auge staunend in Bewundrung nach.

Ich bin also in Weimar. Im Ganzen wohl zum vierten oder fünften Mal in meinem Leben, das ja auch Poetry-Slam- und Poesiefilmepisoden enthält. Diesmal besuche ich aber keine lebendigen Poeten, ich pilgere zu einer Schrift, einem Konvolut, einem Stück deutscher Dichtung, dem mein Vater – immerhin auch ein Dichter deutscher Sprache – große Bewunderung zollt, sagt er doch immer: „Der zweite Teil ist modern! Das interessiert. Nur das!“ Faust. Zweyter Theil wohnt als Sammlung verschiedener, fein ineinandergefügter Munda in Schachtel Nummer 32 des Goethe- und Schiller-Archivs an der Jenaer Straße 1 in Weimar. Das Konvolut liegt in einer eigens maßgefertigten Manuskriptbox, und an dieser Stelle ist es fast Goethesche Morphologie, spricht man doch statt vom Schädel, den Organen, von Vorderdeckel, Hinterdeckel und von 43 Lagen, die den Körper, die Gestalt ausbilden. Diese umfasst die Verse 4613 bis 12111 der gesamten Faust-Dichtung, und es wurde mir erstaunlich feierlich zumute bei ihrer Betrachtung und geistigen Betastung, die ich mit Dr. Ariane Ludwig vornehmen durfte. Ich schwöre, unsere Herzen flatterten, als wir beide – sie zweifellos schon öfter, ich aber zum ersten Mal – dieses immense Zeugnis – unboxten – und wir bisweilen verzückt aufjauchzten. Hashtag goosebumps! Mit braunem Marmorpapier verstärkte Pappen umarmen die Lagen. Faust II erscheint karamellen, venezianisch gemustert, Zellen und Ströme wollen sich dem Auge mitteilen, und der etwas über die Mitte gesetzte Titelaufkleber auf dem Cover hat in seiner Form etwas von einer erjagten schön gekürschnerten Tierhaut, so ausgestreckt und von „Goethehand“ John mittig beschriftet mit.


Faustedition Hier sieht man eine Seite Originalhandschrift....

Hier Verweis zur Stelle in Faustedition....

Verlinkung GSA

Verlinkung